Dietzfelbinger – Kirchengemeinde Ottensoos https://pfarramt-ottensoos.de Evang. Luth. Kirchengemeinde Ottensoos Tue, 31 May 2022 19:07:41 +0000 de hourly 1 Christian Dietzfelbinger https://pfarramt-ottensoos.de/2022/06/christian-dietzfelbinger/ Tue, 31 May 2022 22:31:28 +0000 https://pfarramt-ottensoos.de/?p=11519

Lebenslange Verbindung nach Ottensoos Christian Dietzfelbinger ist der jüngste Sohn des „Judenpfarrers“ Wilhelm Dietzfelbinger und da er bis an sein Lebensende regen Kontakt zu verschiedenen Ottensooser Bürgern hielt, soll er in diesem Schwerpunkt näher vorgestellt werden. Er wurde am 16.04.1924 geboren und die Familie übersiedelte nach Ottensoos als er eineinhalb Jahre alt war, so dass er seine gesamte Kinder- und Jugendzeit […]]]>

Lebenslange Verbindung nach Ottensoos

Christian Dietzfelbinger ist der jüngste Sohn des „Judenpfarrers“ Wilhelm Dietzfelbinger und da er bis an sein Lebensende regen Kontakt zu verschiedenen Ottensooser Bürgern hielt, soll er in diesem Schwerpunkt näher vorgestellt werden.

Er wurde am 16.04.1924 geboren und die Familie übersiedelte nach Ottensoos als er eineinhalb Jahre alt war, so dass er seine gesamte Kinder- und Jugendzeit hier verbrachte, was ihn zeitlebens prägte.

Als junger Mann wurde er noch zum Kriegsdienst einberufen und im Februar 1945 durch einen Lungenschuss schwer verletzt. Nach dem Krieg konnte er sein Theologiestudium weiterführen unter anderem in der Schweiz, wo er nach eigener Aussage lernte, was Demokratie ist.

Zwischen 1950 und 1960 arbeitete er als Gemeindepfarrer. Im Anschluss hatte er verschiedene Stellen inne, spürte jedoch sehr bald, dass ihm gerade die Lehre sehr am Herzen lag. Er wechselte in die württembergische Landeskirche und wirkte bei den Lehrgängen für den Pfarrdienst mit. Erst spät, im Jahr 1984 erfolgte die Habilitation und er lehrte im Fach Neues Testament an der Universität in Tübingen. Er hatte eine ganz eigene Art, seine Studenten zu begeistern, so wurden die Seminare auch mal bei Wanderungen über die schwäbische Alb weitergeführt.

Auch nach seiner Emeritierung 1989 unterrichtete er weiter, überhaupt war diese Lehrtätigkeit an der Universität der Höhepunkt seines Berufslebens.

Christian Dietzfelbinger fühlte sich zeitlebens als ein von Gott Beschenkter, auch privat war er ein reicher Mann, hatte er doch mit seiner Ehefrau Barbara, die 2012 verstorben war, sechs Kinder. Ein schwerer Schicksalsschlag war der tödliche Absturz eines Sohnes beim Bergwandern.

Am 23.08.2021 verstarb Christan Dietzfelbinger im Alter von 97 Jahren.

Kindheitserinnerungen

Konrad Haber, der Nachbarsjunge des Pfarrers kam immer wieder mal zu Besuch ins Pfarrhaus, dabei ist es ihm bis heute in Erinnerung, dass Christians Mutter ihn jedes Mal ermahnte: „Konrad, Taschentuch!!“ Warum wohl? Kinder hatten zu der Zeit das, was man auf gut ottensooserisch eine „Ruutzgloggn“ nennt. (Wem dies nicht geläufig ist, gemeint ist eine laufende Nase.)

Der große Garten muss für Kinder ein Eldorado gewesen sein mit einer Vielzahl von Verstecken und beim Binner- Nachbarn haben die beiden auch mal Stachelbeeren stibitzt.

Christian hat eine Kindheitserinnerung aufgezeichnet: „Herr Haber, könnens mer net an Pfitschepfeil schnitzen?“ Das tat dieser bereitwillig und immer noch höre ich, wenn ich die Fertigstellung des Werkes kaum erwarten konnte, die beruhigenden Worte: „Neer langsam.“

Als Christian ins Gymnasium und zum Studieren ging, wurden die Kontakte weniger, aber der Posaunenchor war wieder ein verbindendes Glied.

Christian Dietzfelbinger, Wolf, Haber

Interview mit Werner Wolf

Seit wann hattest du Kontakt zu Christian Dietzfelbinger?

Natürlich hatte Christian Dietzfelbinger immer Verbindungen nach Ottensoos, aber mein persönlicher Kontakt hat sich tatsächlich 2005 sehr verstärkt beim 100-jährigen Jubiläum des Posaunenchors. Zu diesem war er mit seinem Bruder gekommen und ich hatte beide freundlich begrüßt. Beim Festessen im Waltersaal vertieften sich die Gespräche und von da an hatte ich ihn öfter eingeladen, bei mir zu übernachten. Dieses Angebot nahm er immer wieder gerne an. Im Jahr 2011 war auch seine Enkelin Sarah mit von der Partie. Auch meine Gegenbesuche in Tübingen haben ihn erfreut, z.B. zu seinem 85. Geburtstag.

Wie äußerte sich die Freundschaft mit ihm?

Wir sind viel miteinander wandern gegangen und haben gemeinsam Brotzeit gemacht. Die Gespräche mit ihm waren immer ungemein bereichernd und haben sich teilweise auch telefonisch fortgesetzt, wenn er wieder daheim war. Ein Genuss waren seine regelmäßigen und ausführlichen Briefe, welche seine großen sprachlichen Fähigkeiten widerspiegelten.

Welches ist für dich die prägendste Erinnerung?

Jede Begegnung mit ihm war einmalig und immer wieder hat mich bei den Gesprächen seine geistliche Tiefe und Spiritualität begeistert. Er war ein Formulierungskünstler, großer Prediger und Buchautor. Die 800 Seiten Bibelkommentar zum Johannesevangelium aus seiner Hand sind ein Beweis, wie intensiv er sich mit der heiligen Schrift auseinander gesetzt hat. Natürlich steht der Kommentar im Reigen vieler anderer Veröffentlichungen.

Was für ein Mensch war er?

Wie bereits angeklungen, war er ein Mann des Wortes und daneben war er aber sehr bodenständig und an jedem Menschen interessiert. Er erkundigte sich nach den Problemen und Nöten und nahm Anteil an ihnen.

Warum war Ottensoos ihm so wichtig?

Hier lagen seine Wurzeln. Die Ottensooser Kirche mit ihren vielfältigen Kunstschätzen und dem Glockenklang hatte es ihm angetan, aber auch das Pfarrhaus mit dem weitläufigen Garten war natürlich ein Kinderparadies, das einen weiter begleitet. Dazu die direkte Nachbarschaft zum Kinderfreund im Habershaus und der Kontakt zu den verschiedensten Familien im Ort und zu seinen Mitkonfirmanden haben dazu geführt, dass er bei seinen Besuchen in Ottensoos immer auch unterwegs war, um all diese Nachbarn und Freunde zu besuchen und zu sehen, wie es ihnen aktuell ging. In der Zeit, als der Beruf und die Familie ihn stark forderten, war der Kontakt wohl etwas weniger, aber im Alter frischte er alles wieder auf.

Da sein Vater gute Kontakte zu jüdischen Familien hatte, war er sehr erfreut über die Wiederbelebung der ehemaligen Synagoge, die durch die vielen kulturellen und bildenden Angebote wieder einen Stellenwert in der Gemeinde erlangt hat.

Besonders lag ihm der Posaunenchor am Herzen, war sein Vater doch einst Chorleiter gewesen und auch sein Bruder, der ehemalige bayerische Landesbischof, hatte dort das Flügelhorn geblasen. Die tiefe Verbundenheit zeigte sich über die Jahre dadurch, dass der Posaunenchor Ottensoos immer wieder bei Beerdigungen im Hause Dietzfelbinger mitwirkte.

Dass in einem Dorf Traditionen erhalten bleiben und dies gemeinschaftsstiftend ist, war ihm bewusst.

Sehr berührt hat ihn stets der Choral „Nun danket alle Gott“.

Christian Dietzfelbinger, Werner Wolf

Zitate von Christian Dietzfelbinger

Noch weiß ich sehr genau, woher ich komme und wo ich herangewachsen bin.

Den Weg von Rüblanden nach Ottensoos – wie oft bin ich ihn einst gegangen, und fast jedes Mal, wenn ich später nach Ottensoos kam, bin ich ihn wieder gegangen. Fast ist es, wie wenn jede Bodenwelle dort eine eigene Erinnerung in sich trüge.

Tübingen, 16. August (mein Computer verweigert die Angabe der Jahreszahl, und es ist mir nicht gelungen, ihn zur Vernunft zu bringen)

Täglich mache ich meinen Spaziergang (mit Gehwagen) … und bei allem fühle und weiß ich, dass es mir gut geht. Ich weiß auch, dass ich trotz schrecklichster persönlicher Verluste ein reiches Leben hinter mir habe.

Als wir vor fast zwei Jahren meinen 92. Geburtstag in Ottensoos gefeiert haben, da hat sich manchen aus meiner Familie, die von Ottensoos nur durch mich wussten und die manchmal gelächelt haben über meine Anhänglichkeit an dieses Dorf, dieses Lächeln verwandelt in Staunen und Bewunderung.

Jetzt höre ich – und im Hören erlebe ich -, wie in demselben Dorf die Synagoge wenn nicht als Synagoge, so doch als Gedenkraum wieder Leben in sich birgt und gepflegt wird, wie immer noch Scham und Trauer lebendig sind.

Ich bin damals, in den sechziger Jahren, viel mit meinen Kindern gewandert, und so brachte ich mit meinem Sohn Rudolf ein paar Tage in der Hersbrucker Alb zu … Vom Arzberg ging das letzte Wegstück über Henfenfeld nach Ottensoos und es dämmerte schon, als wir vor dem Habershaus standen. Da waren wir nun, unangemeldet, hungrig und durstig. Darf man sich da überhaupt zeigen? Wir wagten es und wurden freundlich ins Haus gelassen. Was tat sie (Frau Haber) mit uns, den völlig Unbekannten?

Ich sehe sie noch am Herd stehen und eine nicht geringe Zahl von Eiern wurden in die Pfanne geworfen und zu Rühreiern verarbeitet – und wir aßen; ich habe bis zum heutigen Tag nie wieder so viel Rühreier auf einmal gegessen wie an jenem Abend. Wo wir dann übernachtet haben, weiß ich nicht mehr – vielleicht in Eurem Haus; unsere Unverschämtheit kannte keine Grenzen.

Es waren nicht allein die Gärten, in denen wir uns trafen. Die Straße war ein Hauptort des Vergnügens, und wo heute ich weiß nicht wie viele Autos die Pirnerstraße hinauf- und hinunterfahren, rumpelte damals ein einziger Lastwagen ein einziges Mal am Tag vorbei.

Als so beschenkte, beglückte Menschen haben wir mit unserem baldigen Abschied von der Welt zu rechnen.

Bildnachweis: Wolf

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Magdalena Dietzfelbinger – die Bilderbuchpfarrfrau https://pfarramt-ottensoos.de/2021/12/magdalena-dietzfelbinger-die-bilderbuchpfarrfrau/ Tue, 30 Nov 2021 23:31:02 +0000 https://fb.venzel.de/wp_pfarramt/?p=10886 Magdalena Dietzfelbinger

Nachdem es im letzten Schwerpunkt um den Judenpfarrer von Ottensoos ging, soll in dieser Ausgabe seine Ehefrau Magda Dietzfelbinger im Mittelpunkt stehen, über deren Leben die Enkeltochter Erika Geiger einen ausführlichen Aufsatz schrieb. Sie erinnert sich an eine Großmutter, die nicht schimpfen konnte und der alle Enkel immer ihr Herz aufschlossen. Sie war ein bildungshungriges Mädchen gewesen, in deren Zeit Bildungshunger einem […]]]>
Magdalena Dietzfelbinger

Nachdem es im letzten Schwerpunkt um den Judenpfarrer von Ottensoos ging, soll in dieser Ausgabe seine Ehefrau Magda Dietzfelbinger im Mittelpunkt stehen, über deren Leben die Enkeltochter Erika Geiger einen ausführlichen Aufsatz schrieb.

Sie erinnert sich an eine Großmutter, die nicht schimpfen konnte und der alle Enkel immer ihr Herz aufschlossen. Sie war ein bildungshungriges Mädchen gewesen, in deren Zeit Bildungshunger einem Mädchen nicht zukam und die ihre Enkeltöchter darum beneidete, dass es zwei Generationen später auch für diese selbstverständlich war, studieren zu können. In diesem Zusammenhang erinnert sich die Enkeltochter an den häufigen Ausspruch ihrer Großmutter: „Was hätte ich darum gegeben.“

Kindheit und Jugend

Geboren wurde sie am 31.3.1883 als zweite Tochter der Pfarrerseheleute Bertha und Christian Nicol in Willmars in der Rhön. Auf die beiden Töchter folgten dann noch acht Brüder. Einerseits lebten die Kinder in einem wahren Paradies, doch bei den vielen kleinen Brüdern war Magdas Kindheit auch durch viel Arbeit und Hilfe im Haushalt geprägt.

Zu ihrem 13. Geburtstag bekommt sie von ihrer Großmutter ein Tagebuch geschenkt, dem sie von nun an ihre Sorgen und Wünsche anvertrauen kann. Im Vorwort wird deutlich, dass sie sich immer sorgte, ihre jüngeren Brüder könnten dieses unbefugt lesen, wird einem eventuellen Leser doch angedroht, er würde bei Zuwiderhandlung drei Tage in den Turm geworfen. Außerdem war sie eine leidenschaftliche Leserin und ihr Lieblingsbuch war „Heidi“ von Johanna Spyri.

Die Brüder erhalten selbstverständlich eine Schulbildung in Windsbach und ein Studium, die Mädchen gehen bis zu ihrer Konfirmation mit 13 in die Dorfschule. Bei einem Wettbewerb einer christlichen Zeitschrift schickt sie eine Bildbeschreibung ein, die einen Preis erhält und abgedruckt wird, worüber sie verständlicherweise sehr stolz ist. In den Sommerferien ist viel Leben im Pfarrhaus, aber wenn dann die Brüder, die „Lateiner“, wieder in Windsbach sind und die große Schwester im Marienstift in Regenburg ist, fühlt sie sich bisweilen einsam, bis es dann an ihr ist, dieses Stift zu besuchen, um den Schliff einer höheren Tochter zu erhalten mit Französisch, Englisch, deutscher Literatur, Rechnen, Singen, Turnen und Handarbeiten. In dieser Zeit findet sie auch eine gute Freundin, Marie Kern, und ist ihr viele Jahrzehnte freundschaftlich verbunden. In ihrem Abschlusszeugnis findet sich die Bemerkung, dass in dem Mädchen „der Geist des Widerstands und der Renitenz“ wohne, eine Bemerkung, auf die sie auch als Großmutter noch stolz war und die zeigt, dass sie wohl etwas mehr nachgedacht hat, als es Mädchen zu dieser Zeit erlaubt war.

Begegnung mit Wilhelm

Nach allgemeiner Ansicht ist die Ausbildung Magdas nach der Stiftszeit abgeschlossen, aber sie soll im Herbst 1900 noch einige Wochen bei den Großeltern verbringen, um bei ihrer unverheirateten Tante Französischstunden zu erhalten und in Bayreuth Klavierstunden. Außerdem soll ein Nähkurs ihre hausfraulichen Kenntnisse vervollkommnen. Im großelterlichen Pfarrershaushalt spielt „der Herr Vikar“ Wilhelm Dietzfelbinger eine wichtige Rolle, der für den alten Pfarrer quasi die Amtsgeschäfte tätigt. Er wird wie der Sohn des Hauses gehalten und verwöhnt. Außerdem ist es ein offenes Geheimnis, dass Magdas Tante für den Vikar schwärmt, wohingegen dieser nur Augen für die junge Magda hat und sich eine große Liebe zwischen ihnen anbahnt, obwohl er zwölf Jahre älter ist und Magda erst 17 Jahre zählt.

Nachdem Wilhelm nach dem zweiten theologischen Examen die Pfarrstelle in Ermershausen in Unterfranken bekommen hat, hält er im Jahr 1902 um ihre Hand an und die beiden heiraten im April 1903, kurz nach Magdas 20. Geburtstag. In einem Brief an ihre Freundin schreibt die junge Braut, dass es ihr oft recht bang ist, da sie sehr an ihrem Elternhaus hänge, dass aber doch alles in ihr jauchze.

Junge Ehe und Familie

Nach der Hochzeit gönnt sich das junge Paar einige Tage in Wiesbaden mit einer Schifffahrt auf dem Rhein und als Höhepunkt einen Opernbesuch in Frankfurt. Im Anschluss wird das Ehepaar in einem bekränzten Wagen von den Ermershausener Gemeindevertretern am Bahnsteig abgeholt und zum Pfarrhaus geleitet. Als der Männergesangsverein am Abend ein überraschendes Ständchen darbietet, kann sich die junge Magda ob der gefühlvollen Lieder das Lachen kaum verkneifen.

Es gibt einige Anekdoten aus ihrer ersten Hausfrauenzeit, so erwies sich der mehrpfündige Kalbsschlegel für das Ehepaar als Sonntagsbraten doch als etwas überdimensioniert. Ein Handwerksbursche bittet sie einmal, ob sie nicht die Mama fragen könnte, ob er einen Teller Suppe haben könnte – er hält sie für die Tochter des Hauses. Kurz darauf droht auch die Kirchenvisitation durch den Herrn Konsistorialrat, aber zum Glück eilt eine der Tanten zur Hilfe, damit das Mittagessen gelingt. Magda gilt nicht gerade als gute Hausfrau, auch wenn sie sich selbst „ganz tüchtig“ findet. Der Ehemann bemängelt ihren fehlenden Ordnungssinn und möchte ihr eine Haushaltshilfe an die Seite stellen. Dagegen sträubt sie sich zunächst, bis sich die erste Schwangerschaft einstellt und sie viel liegen muss.

Natürlich hat sie auch viel Besuch, besonders die Brüder besuchen ihre Schwester oft.

Fam. Dietzfelbinger vor dem Pfarrhaus in Burgfarrnbach, 1913
Fam. Dietzfelbinger vor dem Pfarrhaus in Burgfarrnbach, 1913

Im Mai 1904 wird der erste Sohn Ludwig geboren und zum Leidwesen der Eltern gedeiht er zunächst nicht gut und macht ihnen viele Sorgen, doch nach einem halben Jahr kräftigt sich die Gesundheit.

Im Elternhaus in Dietenhofen geht es hoch her, die meisten der Brüder sind Studenten und bringen ihre Freunde mit ins Haus. Einmal dürfen die beiden Schwestern bei einem Fest der Studentenvereinigung in Erlangen mitfeiern und die beiden jungen Frauen genießen das Fest in vollen Zügen mit unzähligen Bekannten bis morgens früh um 3 Uhr. Daheim hat der Ehemann derweil den Sohn ganz vorschriftsmäßig gewickelt und gebadet. Dazu Magdas Kommentar: „Ich finde immer, es ist gut, wenn Männer sich auch einmal mit häuslichen Dingen beschäftigen.“ Grundsätzlich ist sie der Meinung, dass die Männer sowieso das bessere Los gezogen haben, wenn sie hört, wo ihre Brüder überallhin reisen.

Als dann auch noch die ältere Schwester heiratet, sind die Brüder etwas entsetzt, wer denn nun die Mutter unterstützt – bisher hatten sie es sehr genossen, dass eine „Haustochter“ die unliebsamen Arbeiten erledigte.

Das junge Pfarrerehepaar – mittlerweile sind die kleine Elisabeth und der kleine Hermann dazugekommen – ziehen 1908 vom unterfränkischen Ermershausen ins mittelfränkische Kirchfarrnbach, zur Freude Magdas, die von dort in nur eineinhalb Stunden zu ihren Eltern nach Dietenhofen laufen kann.

Schicksalsschläge

Die Jahre1909/ 1910 folgen als eine der schwierigsten Jahre für Magda – bei ihrem erstgeborenen Sohn Ludwig wird ein Gehirntumor festgestellt und auch eine Operation in Erlangen bringt keine Besserung. Wochenlang muss der Fünfjährige im Krankenhaus bleiben. Die beiden jüngeren Geschwister kommen in großelterliche Obhut, so dass sich die Mutter um den geliebten Erstgeborenen kümmern kann, bis er im Februar 1910 nach schlimmen Schmerzen und Krampfanfällen in ihren Armen stirbt.

Die Dietzfelbingers bleiben bis 1924 in Burgfarrnbach und sechs weitere Kinder werden ihnen geschenkt. Höhepunkte im dörflichen Leben sind seltene Einkaufstouren nach Fürth oder Nürnberg oder auch die monatliche Kutschfahrt zu einer Filialkirche, wo ein Gottesdienst zu halten war. Das Pfarrhaus steht für die Gemeindeglieder offen, sonntäglicher Gottesdienst und Christenlehre sind fester Bestandteil im Leben der Kinder und sie genießen es, dass ihre Mutter eine begnadete Erzählerin ist.

In diese ländliche Idylle bricht der erste Weltkrieg ein und der Pfarrer muss bald in die Häuser gehen, um die Nachricht vom Verlust des Ehemannes oder Sohnes zu überbringen. Auch Magda wird schwer getroffen, zwei ihrer Brüder fallen innerhalb von zwei Tagen gleich im April 1915, ein dritter Bruder fällt ein Jahr später in Frankreich. Dem Krieg folgen Jahre des Hungers, der Not und der politischen Instabilität.

Trennung von den Kindern

Die Eltern Dietzfelbinger freuen sich, dass die beiden ältesten Kinder, Elisabeth und Herrmann, die Aufnahmeprüfung für die höhere Schule schaffen, was allerdings zur Folge hat, dass beide ins Internat müssen und schreckliches Heimweh haben. Als Hermann auch noch längere Zeit starke Kopfschmerzen hat, sind die Eltern alarmiert, weil sie sich an die Krankheit des ältesten Sohnes erinnert fühlen, was sich Gott sei Dank nicht bestätigt. Trost für beide Seiten sind die Briefe, die rege hin und her gehen und die Pakete, die dringend nötig sind, weil die Schüler oft hungrig sind und auch frieren, weshalb die Mutter für warme Kleidung sorgt.

Im Jahr 1922 planen die Eheleute den Besuch einer Parsifalaufführung in Bayreuth und anschließend zwei Wochen Urlaub in Berneck, obwohl Magda nicht genau weiß, ob sie das fertigbringen wird, da sie sich ohne Kinder „wie ein Ofen ohne Wärme, oder wie ein Bach ohne Wasser oder meinetwegen auch wie eine Kuh ohne Schwanz…“ vorkommt.

Umzug nach Ottensoos

Als auch die jüngeren Kinder größer werden, wird die Schulfrage immer dringender und es wird nach einer Pfarrstelle in der Nähe einer Stadt gesucht und die Wahl fällt auf Ottensoos. An der Pegnitzbrücke empfangen Gemeindeglieder und Schulkinder die neue Pfarrersfamilie und diese wird unter Glockengeläut mit dem Posaunenchor ins geschmückte Pfarrhaus geleitet. Es stellt sich heraus, dass ein Möbelwagen in Burgfarrnbach zurückgeblieben ist, leider der, in dem die Antrittspredigt verwahrt ist, so dass der Pfarrer am gleichen Tag noch einmal zurück nach Burgfarrnbach fahren muss.

Das große Pfarrhaus, die schöne St. Veitkirche, der Nutzgarten mit Laube und verwinkelten Nebengebäuden sind wie geschaffen für die große Familie. Der Pfarrer macht mit seiner Frau reihum Besuche in allen Häusern des Dorfes, auch bei den vielen jüdischen Familien. Die Leitung des Posaunenchores wird ihm angetragen, eine Aufgabe, die er mit zunehmender Begeisterung ausfüllt.

Die Kinder können mit dem Zug in die Schule fahren, die Söhne besuchen ein humanistisches Gymnasium und die Töchter das Mädchenrealgymnasium – in dieser Generation bekommen also auch die Mädchen eine abgeschlossene Ausbildung. In den Ferien ist das Haus bis unter das Dach gefüllt mit der jugendlichen Verwandtschaft, Vettern, Basen und auch Freunden.

Nachdem die Zeit des Windelwaschens vorbei ist, macht das Ehepaar jetzt jedes Jahr Urlaub in Österreich, Italien oder Jugoslawien. In der Gemeinde hat Magda die Leitung des „Jungfrauenvereins“, später „Mädchenvereins“ übernommen. Bibelarbeit, Gesang und Spiele bilden das Programm und Weihnachtsspiele, von Magda selbst verfasst, bilden Höhepunkte. Auch bei Gemeindefesten und Familientagen werden Magdas Reime immer bejubelt. Ihre dichterische Begabung zieht jedoch bald weitere Kreise. Der Sohn des Inhabers der Nürnberger „Kunstanstalt Schwager und Steinlein“ soll in Ottensoos seine Ferien verbringen und gleichzeitig Nachhilfe in Latein erhalten. Als sich Magda beim Vater für die Lebkuchen – natürlich in Versform – bedankt, die dieser als Dankeschön geschickt hatte, wird dieser bei den gelungenen Reimen hellhörig und eine Jahrzehnte dauernde Geschäftsbeziehung nimmt ihren Anfang.

Ein Kurier bringt ihr Bilder für ein Bilderbuch und sie dichtet dazu die Verse. Erstmals in ihrem Leben hält sie selbst verdientes Geld in Händen.

Kriegs- und Nachkriegszeit

Die unerquicklichen Jahre von 1933-1938 waren Thema im letzten Kirchenboten. Zu betonen ist, dass Magda ihren Mann in dieser Zeit maßgeblich unterstützte, es ihr allerdings schwerfiel, die Zeit in Ottensoos zu beenden, war sie doch jünger als ihr Mann und wäre gern weiter Pfarrfrau geblieben. Aber die Gründe für die Pensionierung überwogen und in Erlangen bot sich die Gelegenheit, in der Fichtestraße ein Haus zu bauen.

Das Wort Krieg war für Magda ein Schreckenswort und wurde bald bittere Realität. Fast alle Söhne waren im wehrfähigen Alter. Zwei werden sofort eingezogen, der dritte etwas später und der jüngste 1942. Der älteste wurde wegen eines Herzfehlers den Sanitätern zugewiesen und konnte später durch den Landeskirchenrat unabkömmlich gestellt werden. In Erlangen sind die Eltern in ständiger Sorge um ihre Söhne und Magda schickt unablässig Feldpostpäckchen und – briefe. Im Dezember erhalten sie die schlimme Nachricht vom Tod ihres Sohnes Willy, der mit einem Schiff auf der Fahrt nach Kreta untergegangen ist. Der jüngste Sohn Christian wird 1945 durch einen Lungenschuss schwer verletzt und ist lange im Lazarett. Mehr oder weniger zufällig trifft er seinen Bruder Karl und beide schafften es, sich in den letzten Kriegstagen über die Demarkationslinie zu flüchten, so dass sie in amerikanische statt russische Kriegsgefangenschaft kamen. Schon bald wurden sie entlassen, so dass die Eltern sie glücklich in die Arme schließen konnten und beide ihr Theologiestudium in Erlangen wieder aufnehmen konnten. Ein Jahr später kehrte auch Ernst aus englischer Kriegsgefangenschaft nachhause zurück.

Die Nachkriegsjahre waren natürlich durch große Entbehrungen gekennzeichnet und Magda – inzwischen Großmutter – bedauert, dass sie ihre Enkelkinder nicht mit Bonbons und Schokolade verwöhnen kann, sondern nur eine dünne Scheibe Brot übrig hat, auf die sie etwas Milch träufelt und ein wenig Zucker darüber streut.

Im Mai 1946 wird das Haus in der Fichtestraße von den Amerikanern beschlagnahmt und die Familie muss jeden Tag mit dem Räumungsbefehl rechnen, aber sie können am 5.Juli noch den 75. Geburtstag Wilhelms in der Fichtestraße feiern. Der Räumungsbefehl kommt zwei Tage später, es kann nur wenig mitgenommen werden und dem Ehepaar wird eine kleine Mietwohnung zugewiesen. Doch angesichts der Tatsache, dass viele Menschen ausgebombt wurden und sie drei ihrer Söhne wohlbehalten wieder haben, liegt es ihnen fern zu jammern, da sie doch ein Dach über dem Kopf haben. Zudem ist die kleine Wohnung leichter zu heizen, so dass sie gut über den Winter kommen.

Elf Jahre dauert die Ausquartierung. Wilhelms Sehkraft ist eingeschränkt, er besucht Vorlesungen, Konzerte und die Orgelwoche. Das Jahr 1950 bringt drei Hochzeiten in der Familie und in den drei folgenden Jahren jeweils drei Enkelkinder. Die Tauffeste sind Höhepunkte und werden natürlich von Versen der Großmutter umrahmt. Bei der größer werdenden Familie kommt die Großmutter mit dem Briefe schreiben gar nicht mehr nach und so wird ein Rundbrief eingerichtet, ein Heft mit einem Eröffnungsbeitrag der Großeltern, welches dann reihum weitergeschickt wird und alle Familien ihre Neuigkeiten hineinschreiben können.

Bilderbuchautorin und eine Reise

Nach den schweren Kriegszerstörungen hat auch die Kunstanstalt Schwager und Söhne wieder ihren Betrieb aufgenommen und Magda ist wiederum eine begehrte Texterin. Um die 25 Bücher versieht sie pro Jahr mit Versen. Es sind keine Kunstbilderbücher, sondern Bücher auf Karton oder für das erste Lesealter für den Massengebrauch. Ihr Name wird auf den Büchern nur selten erwähnt.

Märchen und Landleben sind Themen, mit denen sich Magda auskennt, doch plötzlich sind Indianerbücher angesagt oder die Bilder schildern ein Fußballspiel in all seinen Phasen. Doch ein Lexikon oder ein fußballbegeisterter Enkel bringen sie auf den Stand der Dinge, so dass sie auch Verse zu ungewohnten Themen dichten kann. Die Bilderbücher sind weit verbreitet und wenn Magda in der Stadt beim Einkaufen ist, kontrolliert sie in der Spielzeugabteilung, ob ihre Bücher auch verkauft werden.

Kinderbuch von Magda Dietzfelbinger
Kinderbuch von Magda Dietzfelbinger

Die wirtschaftliche Lage in den 50er Jahren verbessert sich zusehends und im Sommer 54 sieht Magda im Schaufenster eines Reisebüros eine Busreise durch die Schweiz ausgeschrieben. Der Ehemann kann nach einem leichten Schlafanfall nicht mitreisen und wird von der Tochter versorgt. Er gönnt es jedoch seiner Frau, sich diesen Traum von ihrem – erdichteten – Geld zu erfüllen. Am Abend vor der Reise erinnert man sich, dass ein Pass vonnöten sein wird, aber auf diesem prangt noch das Hakenkreuz und ist folglich ungültig. Tochter Elsbeth, von Beruf Sozialarbeiterin, fährt mit ihrer Mutter auf die Polizeiwache, und die diensthabenden Polizisten erweisen sich als „dein Freund und Helfer“ und fahren die aufgeregte Seniorin zur Wohnung eines Beamten vom Einwohnermeldeamt. Auch ihn rührt der Wunsch der alten Dame und er steigt ein, fährt ins Büro, wo die Großmutter einen nagelneuen Pass erhält und so am nächsten Tag glücklich den Reisebus besteigen kann. Die begleitende Schwiegertochter weiß zu berichten, dass bisweilen manche Reiseteilnehmer vor Erschöpfung ein Nickerchen machten, nicht so Magda, die immer kerzengerade aufgerichtet aus dem Fenster sah, um ja nichts zu verpassen, erinnerten sie doch die Berge an ihr einstiges Lieblingsbuch „Heidi“.

Stolze Mutter

Im Familienrundbrief gibt es im März 1955 eine wichtige Nachricht zu vermelden: Sohn Hermann wird zum bayerischen Landesbischof gewählt. „Als ‚Landesbischofseltern‘ werden wir nun mit vielen guten Wünschen überschüttet in sehr verschiedener Form: „Da kann a Vatter scho sei Freud ham an so am Bubn!“, meinte heute die Metzgersfrau, die mich gefragt hatte, ob der neue Herr Landesbischof wohl ein Anverwandter von uns sei.

Bei der Einführung in der Lorenzkirche sind die Eltern natürlich Ehrengäste, und Magda unterhält sich beim Essen angeregt mit Bischof Dibelius, neben dem sie sitzt.

1957 hat Wilhelm eine lange und schmerzhafte Krankheit und seine Frau ist im Krankenhaus Tag und Nacht bei ihm. Zur selben Zeit kommt die Nachricht, dass das Haus in der Fichtestraße wieder freigegeben ist, so dass Wilhelm zuletzt in seinem Haus gepflegt werden konnte, wo er am 2. Mai verstirbt.

Witwenschaft und Alter

Magda Dietzfelbinger mit ihrem Sohn, Landesbischof Hermann Dietzfelbinger, 1964
Magda Dietzfelbinger mit ihrem Sohn, Landesbischof Hermann Dietzfelbinger, 1964

Natürlich trägt Magda nach 54 Ehejahren schwer an dem Verlust, auch wenn ihre Tochter Elsbeth bei ihr lebt und sie immer wieder viele Wochen in den Familien ihrer Kinder verbringt. Bei jedem Besuch dort bringt sie neue Bilderbücher mit, zu denen sie getextet hat.

An ihrem 80. Geburtstag versammeln sich ihre noch lebenden Geschwister, ihre acht Kinder mit Ehepartnern und 32 Enkelkinder. Bei der Geburt ihrer Urenkelin Irene im Jahr 1968 – da ist sie 85 Jahre alt – blitzt immer noch ihr Witz bei dem gereimten Glückwunsch durch: „Gern haben wir, das sei betont, erlebt den stolzen Flug zum Mond. Doch ist für uns von höherem Werte Irenchens Ankunft auf der Erde!“

Erst in ihrem letzten Lebensjahr leidet sie an Gedächtnisschwund und verstummt immer mehr. Mit Hilfe einer benachbarten Ärztin gelingt es Tochter Elsbeth, ihre Mutter daheim zu pflegen, auch als ein Sauerstoffapparat nötig wird. Alle ihre Kinder und viele Enkel besuchen sie noch einmal, bevor sie am 7. März 1972 verstirbt.

Hunderte von Menschen geben Magda Dietzfelbinger das letzte Geleit und der Posaunenchor aus Ottensoos spielt mehrere Choräle an ihrem Grab.

Die Enkeltochter resümiert, dass sie Ehrfurcht angesichts dieses Frauenlebens empfindet und sie betont, dass keineswegs alles Idylle und heile Welt gewesen sei. Besonders die oft unbefriedigende Situation der Pfarrerstöchter auf dem Land, vor allem derer, die nicht heirateten und kein eigenes Leben führen konnten, war Magda sehr bewusst. Aber trotz der im Zeugnis belegten „Renitenz“ begehrte sie nicht auf, sondern begnügte sich mit der häufigen Feststellung, dass es die Männer auf der Welt einfach besser hätten. Mit der Bilderbuchproduktion schuf sie sich eine kleine Nische für ihr herausragendes sprachliches Talent und ihre Kreativität.

Bildnachweis: Ausstellungsbanner der Reihe „fromm – politisch – unbequem“ über starke Frauen in der Kirche

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Der Judenpfarrer von Ottensoos https://pfarramt-ottensoos.de/2021/10/der-marienaltar-in-der-kirche-st-veit-2/ Thu, 30 Sep 2021 22:12:24 +0000 https://pfarramt-ottensoos.de/?p=10802 Pfarrer Dietzfelbinger

Wer war der immer wieder genannte „Judenpfarrer von Ottensoos“ und welcher Art waren seine Auseinandersetzungen in der Zeit des Nationalsozialismus? Dies soll im folgenden Text erläutert werden auf der Grundlage des Aufsatzes „Kirche und Nationalsozialismus in Ottensoos (1930-1933)“ von Gerhard Philipp Wolf aus dem 92. Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelfranken (1984/85). In den Jahren von 1925-1938 war Pfr. Wilhelm Dietzfelbinger (geb. 1871) Ortspfarrer in Ottensoos […]]]>
Pfarrer Dietzfelbinger

Wer war der immer wieder genannte „Judenpfarrer von Ottensoos“ und welcher Art waren seine Auseinandersetzungen in der Zeit des Nationalsozialismus? Dies soll im folgenden Text erläutert werden auf der Grundlage des Aufsatzes „Kirche und Nationalsozialismus in Ottensoos (1930-1933)“ von Gerhard Philipp Wolf aus dem 92. Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelfranken (1984/85).

In den Jahren von 1925-1938 war Pfr. Wilhelm Dietzfelbinger (geb. 1871) Ortspfarrer in Ottensoos und musste sich speziell in den Jahren 1930-1933 mit dem Ortsgruppenleiter Friedrich Hirschmann auseinandersetzen. Die Ereignisse dieser Jahre sind schriftlich dokumentiert.

Der 30 Jahre jüngere Ortsgruppenleiter versuchte zunächst, sich dem Pfarrer anzubiedern und ihn für die nationalsozialistische Partei zu gewinnen. Als dieser aber verdeutlichte, dass er sich für keinerlei politische Ziele instrumentalisieren lassen wollte, wurde der Ton zunehmend aggressiver, wie aus dem Schriftwechsel der beiden zu erkennen ist. Die Kontaktaufnahme begann, als Hirschmann den Pfarrer im Februar 1930 zu einer öffentlichen Volksversammlung mit Julius Streicher als Redner einlud. Der Eingeladene bedankte sich, wies aber auf seine grundsätzliche politische Neutralität hin. Schon einen Monat später bat Hirschmann um eine Aussprache, wobei er darauf hinweist, dass er als „gläubiger Hörer“ in einen Gewissenskonflikt gerate, wenn ein Prediger nicht „National-Sozialist im wahrsten Sinne des Wortes“ sei. Hirschmann legt dem Schreiben vier Schriften bei, darunter den „Stürmer“ und den „SA-Mann“, welche er dem Pfarrer zur Lektüre empfiehlt und worüber er sich austauschen will. Ob es zu diesem Gespräch gekommen ist, ist nicht bekannt.

Dass es Dietzfelbinger sehr ernst war bei der Trennung von Politik und Kirche zeigte sich im gleichen Jahr am Volkstrauertag im November. Die Ortsgruppe der NSDAP legte einen Kranz in der Kirche nieder, auf dessen Schleife das Parteiabzeichen zu sehen war. Schon im Vorfeld hatte Dietzfelbinger seine Vorbehalte ausgesprochen, was aber nichts nützte. In einer daraufhin anberaumten Sitzung des Kirchenvorstandes wurde beschlossen, dass die Ortsgruppe das Parteiabzeichen entfernen sollte. Das Protokoll der Sitzung ging Hirschmann zu, der eine Entfernung versprach, was aber nicht erfolgte. Daraufhin betraute Dietzfelbinger den Kirchenpfleger damit. Hirschmann fragte dann im Februar nach, wo die Hakenkreuzschleife hingekommen sei, was dem Pfarrer nicht bekannt war.

Eine neuerliche Gelegenheit der Kritik bot sich dem Ortsgruppenleiter im März im Zusammenhang mit einer Schlageterfeier. (Albert Leo Schlageter wurde zur Zeit der Weimarer Republik während der Ruhrbesetzung wegen Spionage und Sprengstoffanschlägen von den Franzosen hingerichtet und galt den Nationalsozialisten als Märtyrer.) Als Redner bei der Feier fungierte der Parteigenosse Pfr. Dr. Martin Weigel aus Nürnberg und Dietzfelbinger hatte bei der öffentlichen Bekanntgabe der Feier durch den Gemeindediener verbreitet, dass der Redner keinen Doktortitel trage. Dabei war er tatsächlich einem Irrtum aufgesessen, weil der Titel des Redners in der Ausgabe des „Personalstandes der evang.-luth. Kirche in Bayern“ von 1930 vergessen worden war. Dies war für den Ortsgruppenleiter eine willkommene Gelegenheit, den Vorfall übertrieben aufzubauschen und Dietzfelbinger als „notorischen Lügner“ zu bezeichnen und die entrüstete Reaktion der Bevölkerung und die völlige Empörung der Versammlung zu betonen. Dietzfelbinger wendet sich an den Kollegen und entschuldigt sich für den Vorfall, Dr. Weigel betont, dass ihm an einer Berichtigung nichts liege. Allerdings verweist er ihn zurück auf Hirschmann, so dass der Kleinkrieg weitergehen kann. Gegenüber Hirschmann betont Dietzfelbinger, dass er keine böse Absicht verfolgt hatte, was dieser natürlich nicht gelten lässt. Insgesamt ist er wohl mit dem Erfolg seiner Partei in Ottensoos nicht recht zufrieden.

Beim Volkstrauertag 1931 wiederholt sich das Spiel mit der Hakenkreuzschleife des Vorjahres, wobei Hirschmann die Gültigkeit des Kirchenvorstandsprotokolls vom Vorjahr für die Folgejahre in Zweifel zieht. Zynisch merkt er zusätzlich an, ob wohl auch in diesem Jahr damit zu rechnen sei, dass die Schleife wieder gestohlen werde und er betont pathetisch: „Die Nationalsozialisten von O. werden auch ‚künftighin‘ nicht nach Protokollen, sondern nach ihrem Herzen handeln.“ Er sagte aber zu, dass Kranz und Schleife „feierlich und mit blutendem Herzen“ geholt werden. Allerdings werde dieses Verhalten der Kirchengemeinde „registriert“!

Im Jahr 1933 waren Kirchenvorstandswahlen und Hirschmann dringt darauf, dass der Kirchenvorstand nach dem Willen Hitlers zu zwei Dritteln mit Nationalsozialisten besetzt werden sollte. Dies war der letzte direkte Kontakt zwischen Dietzfelbinger und seinem Widersacher, da Hirschmann mittlerweile zum Kreisleiter aufgestiegen war. Diese Regelung für die Wahlen entsprach der allgemeinen Gleichschaltung des gesamten öffentlichen Lebens zu Beginn der nationalsozialistischen Regierungszeit. Somit wurden die Vorschlagslisten nicht nur von der Geistlichkeit erstellt, sondern bedurften der Zustimmung der örtlichen Parteiführer. Allerdings gelang es den Ortsgeistlichen – auch in Ottensoos – trotz dieser Einschränkungen wenigstens „kirchlich-bewährte“ Nationalsozialisten aufzustellen.

Ein anderer großer Punkt bei der Hetze gegen Pfr. Dietzfelbinger waren Artikel über seine angeblichen Verfehlungen im Hetzblatt „Der Stürmer“. Der größere Artikel erschien schon im Jahr 1931 und wurde dem Pfarramt anonym zugeleitet, rot umrandet und mit dem Kommentar „Pfui Pfarrer!“ versehen. Darin wird ausführlich aus einer antisemitischen Schrift Martin Luthers zitiert, wobei zusätzlich durch die wahllose Aneinanderreihung von Zitaten die Aussagen zugespitzt werden. Zweifellos ist dies ein unrühmliches Werk Martin Luthers, das dieser im fortgeschrittenen Alter geschrieben hat aus Enttäuschung, dass die Juden sich seiner reformatorischen Idee nicht geöffnet haben. Dass diese Schrift wohl schon immer wenige Anhänger fand, zeigt die Tatsache, dass sie lange Jahre in Vergessenheit geraten war und erst im Zuge der nationalsozialistischen Rassenlehre wieder Beachtung fand. Da Luther im evangelischen Bereich als unbestrittene Autorität gilt, war diese Schrift natürlich ein gefundenes Fressen für diese Politik, andere zentrale Botschaften Luthers waren dagegen uninteressant.

Zu den krassen Äußerungen Luthers gegen die Juden wird der Ottensooser Pfarrer quasi als Gegenpol dargestellt, der sich nicht an Luther hält. Im Einzelnen wird ihm folgendes vorgeworfen: zu seinem direkten jüdischen Nachbarn Sommerich pflegte Pfr. Dietzfelbinger ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis.

Das junge Dienstmädchen der Sommerichs hatte Suizid begangen und dies wird natürlich damit begründet, dass sie unter den Schikanen der Hausfrau zu leiden hatte und sich der Hausherr etwas „einem zwölfjährigen Bauernmädchen gegenüber leistete“. Des Weiteren habe der Pfarrer die Einladung zur Hochzeit der Tochter Sommerichs angenommen und dort mitgefeiert, ebenso wie der Bürgermeister und der Oberlehrer. Besonders wird betont, dass der Pfarrer mit zum Begräbnis eines Juden gegangen sei, wobei behauptet wird, bei einem jüdischen Begräbnis würde gesagt: „Wenn du den Nazarener siehst, dann steinige ihn!“

In den Akten ist keine Reaktion oder Gegendarstellung durch Dietzfelbinger zu finden. Der Autor des Aufsatzes Wolf sieht als mögliche Erklärung hierfür: „Dieses Schweigen mag mit der lähmenden Bedrückung zusammenhängen, die von der Wiederentdeckung der Judenschriften Luthers im Nationalsozialismus unter den protestantischen Geistlichen ausging.“

Im Jahr 1933 waren die Anschuldigungen im Stürmer dann allerdings so massiv, dass eine Reaktion erfolgen musste. Der Titel der „Notiz“ trägt die Überschrift „Der Judenpfarrer“ und es werden „Tatsachen“ in einer Art Generalabrechnung in fünf Punkten aufgelistet, wobei es sich überwiegend um einen Aufguss bereits geschilderter „Vergehen“ handelt. Erneut geht es um die Hakenkreuzschleife am Volkstrauertag, um das Absprechen des Doktortitels, um den Besuch der Hochzeit und der Beerdigungen. Außerdem wird der Pfarrfrau vorgeworfen, sie habe ihr ehemaliges Dienstmädchen dazu angehalten, die im Pfarrhaus verkehrenden Juden zu grüßen. Als letzter Punkt wird bemängelt, dass der angestrebte Wahlvorschlag der politischen Leitung „nicht voll durchging, so daß eine Zersplitterung entstand.“ All dies ist altbekannt, aber in einem Zusatz folgen Behauptungen, welche auch die Kirchenleitung nicht einfach so stehen lassen kann, weil es heißt: „Die Ottensooser haben den Herrn Pfarrer Dietzfelbinger satt. Sie können ihm nicht mehr die Achtung entgegenbringen, die ein Seelsorger und Gottesdiener haben muß. Der Herr Pfarrer Dietzfelbinger möge daher aus Ottensoos verschwinden.“

Dekan Monninger aus Hersbruck schreibt an Dietzfelbinger, der zu der Zeit im Urlaub weilt, um seine „bundesbrüderliche und kollegiale Verbundenheit mit Dir zu bekunden“. Eine Gegendarstellung im Stürmer wird als erfolglos gesehen, auch eine Klage beim Pfarrerverein wird nicht erwogen. Der Dekan schlägt eine Kirchenvorstandssitzung in Abwesenheit des Pfarrers vor. In dieser Sitzung können sich die Ottensooser Kirchenvorsteher frei zu den Vorwürfen äußern, wobei klar wird, dass die Gemeinde über die Schmähungen im Stürmer entrüstet ist und der Kirchenvorstand eine Vertrauenserklärung für Dietzfelbinger einstimmig beschließt, welche am darauffolgenden Sonntag in einer Kanzelabkündigung im Gottesdienst verlesen wird.

Oberkirchenrat Thomas Breit vom Landeskirchenamt bittet den Pfarrer um eine Stellungnahme zu der Stürmernotiz, welche Dietzfelbinger abgibt, ebenso an den Ehrenrat des Pfarrvereins.

Hierin geht er davon aus, dass Hirschmann der „geistige Urheber“ des Artikels sei und er vermutet, dass das entlassene Dienstmädchen den Ausschlag für die Stürmernotiz gegeben habe. Anschließend äußert er sich zu den sechs Anklagepunkten in äußerster Knappheit: Die Entfernung der Hakenkreuzschleifen nimmt er voll auf sich, die Teilnahme an der Hochzeit erklärt er für unwahr, ebenso die an den jüdischen Beerdigungen. Er weist nach, dass in seiner Amtszeit von 1925 -1931 nur sechs jüdische Beerdigungen stattfanden. (1925 lebten nur noch 38 jüdische Bürger in Ottensoos, da die jüngeren Bürger wegen der wirtschaftlichen Verhältnisse in die Städte oder nach Amerika abgewandert waren.) Lediglich 1931 begleitete er den Sarg des verstorbenen Nachbarn Sommerich „mit vielen anderen Ortseinwohnern wie üblich bis an die Pegnitzbrücke“. Die Punkte 4 und 5 (Doktortitel und Grüßen des Dienstmädchens)sind nach seinen Aussagen nicht richtig dargestellt. Zum Thema der Kirchenvorstandswahl erläutert er, dass das Gegenteil zutreffe, er könne als Pfarrer nicht dafür verantwortlich gemacht werden.

Dekan Monniger veranlasst weitere Zeugenaussagen zu den Vorwürfen. So bestätigt der Osternoher Pfarrer, dass Dietzfelbinger am Tag der jüdischen Hochzeit nachmittags anlässlich der Osternoher Kirchweih sein Gast gewesen sei. Der Bruder der Braut merkt an, dass eine „große Anzahl christlicher Einwohner von Ottensoos dieser im Zimmer stattfindenden Trauung vom Gang aus“ zusahen und dass sich der Pfarrer nach dem Trauakt sofort entfernt habe. Der ebenfalls anwesende Bürgermeister bestätigte diesen Sachverhalt.

Diese Stellungnahmen deckten die Unwahrheit der Anschuldigungen auf.

Es kam zu einem weiteren Antwortschreiben Dietzfelbingers an den Landeskirchenrat, in dem er sich ausführlicher äußert, hieraus sei nur noch erwähnt, dass er zu dem Vorfall mit dem Dienstmädchen schreibt: „Es erfordere der Anstand die Nachbarschaft, auch die jüdische, zu grüßen.“ Im Zusammenhang mit der Kirchenvorstandswahl erläutert er, dass er den Wahlvorschlag mit Hirschmann in dessen Wohnung durchdiskutiert habe und dass sich „eine merkwürdige Übereinstimmung“ ergeben habe. Zu einer Verschiebung sei es im Nachhinein nur deshalb gekommen, weil ein Kandidat wegen noch nicht erreichter Altersgrenze ausscheiden musste.

Am Ende betont Dietzfelbinger, dass zur Vertrauenserklärung des Kirchenvorstandes ein „gewisser Mut“ gehörte, weil Hirschmann sie davon abhalten wollte.

Ermutigt durch die Rückenstärkung seiner Gemeinde forderte der Pfarrer Hirschamnn zu einer Aussprache auf, zu der es aber nie kam, obwohl dieser seine Teilnahme zunächst zugesichert hatte.

Der Landeskirchenrat äußerte seine Freude, dass die Gemeinde hinter ihrem Seelsorger stehe, aber er ging nicht so weit, vom Stürmer eine Richtigstellung zu fordern, auch hielt er den Brief zurück, den der Pfarrverein an den Ministerpräsidenten geschrieben hatte. Dietzfelbinger war logischerweise darüber enttäuscht und entdeckte darin eine „Leisetreterei“. Die von Wolf untersuchten Quellen brechen hier ab und er konstatiert, dass das einmütige Eintreten der Amtskollegen und die Einstellung des Ottensooser Kirchenvorstandes dafür gesorgt haben, dass der Kreisleiter Hirschmann und der Stürmer verstummt sind, aber es zu keiner wirklichen Rückendeckung der vorgesetzten Stellen kam. Er meint, eine verspätete Genugtuung besteht darin, dass ihm in Ottensoos ein wertschätzendes Andenken zuteil wird.

In ihren Ausführungen zu ihrer Großmutter Magda Dietzfelbinger, der Ehefrau des Pfarrers, schreibt Erika Geiger, dass die Ausübung des Pfarrberufs für Wilhelm Dietzfelbinger immer schwieriger und belastender wurde, da er praktisch unter Polizeiaufsicht gestellt wurde und seine Predigten von Gendarmen mitgeschrieben wurden. Nach dieser belastenden Zeit beschloss der mittlerweile 67-Jährige, in den Ruhestand zu gehen, auch wenn zu jener Zeit die Altersgrenze mit 67 noch nicht erreicht war. Das Ehepaar Dietzfelbinger zog nach Erlangen, wo es bis zu Wilhelm Dietzfelbingers Tod 1957 lebte.

Wandeltheater, Dietzfelbinger
Beim Wandeltheater 2018 (zum Gedenken an die Reichsprogromnacht 80 Jahre zuvor) wurde das Ehepaar Dietzfelbinger gespielt, das sich am Küchentisch
über die schwierige Lage der Juden unterhält

 

Bildnachweis: Huth

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